Dolcetto aus Waldbüttelbrunn
Dolcetto, ca. 3 Jahre, aufgefunden als junger Hund mit seinen Geschwistern auf einem Feld in Sardinien “lebte“ seitdem in einem sogenannten Canile auf Sardinien. In den Kurzvideos, in denen er fröhlich auf die Betreuerin zu- und wieder wegrannte, wirkte Dolcetto zugewandt und voller Elan. Letztendlich entschieden wir uns für ihn, als aus Italien die Nachricht kam, dass Dolcetto separiert werden musste, da es in dem Zwinger, in dem er mit zwei anderen Rüden lebte, immer wieder zu Beißereien kam. Er verbrachte nun seine Zeit in einem Zwinger von 1mx2m alleine.
Aufgrund eines Staus kam der Transporter erst in der Dunkelheit an. Die Situation war geprägt vom Lärm der nahen Autobahn, dutzenden wartenden Adoptanten, einigen Menschen der Tierschutzorganisation und aufgeregten, lauten Gesprächen. So wurden nach und nach verängstigte, scheue und weniger scheue Hunde aus ihren Boxen nach draußen befördert bzw. getragen und verschwanden augenblicklich in den Autos der Abholer. Unser Dolcetto war der letzte. „Jetzt hol mal den Dicken!“, hörten wir eine Stimme sagen.
Beim seinem Anblick stockte uns der Atem. Es kam ein hübscher, dürrer und zutiefst verängstigter Hund zum Vorschein, der mit allem, was er hatte, dagegen ankämpfte, heraus geholt zu werden. Ein kräftiger Mann schaffte es nach mehreren Minuten. Unsere Idee, ihm erst die Gelegenheit zu geben, auf seinen Beinen zu stehen und sich eventuell zu erleichtern, wurde abgelehnt. So saß er zitternd und apathisch in unserem Auto und wir wurden mit den Worten „viel streicheln, viel Liebe, morgen früh ist alles gut“ verabschiedet.
Zu Hause angekommen
Kurze Zeit später erreichten wir unser Zuhause mit einem eingezäunten, großen Garten. Dolcetto machte keinerlei Anstalten, das Auto zu verlassen, so dass wir ihn an seinem Geschirr nahmen und ihn heraus hievten, leider mit viel Gegenwehr von ihm. An der Leine wehrte er sich wie von Sinnen, er erleichterte sich und zerrte in eine Ecke zwischen Haus und Garage, wo wir alle drei zitternd durchatmeten. Mit Liebe und Streicheln würde es nicht getan sein…
Im Haus bugsierten wir Dolcetto in sein Hundebett, wo er ab diesem Zeitpunkt apathisch lag und sich nicht mehr bewegte…, drei Tage lang!
Alle Versuche, ihm Wasser, Fressen (vor seinem Bett) anzubieten, ihn an der Leine nach draußen in den Garten zu bringen, scheiterten. Tiefe Verzweiflung machte sich breit.
Da uns Frau Mantel bei unserem ersten Hund bereits phantastisch unterstützen und helfen konnte, entschlossen wir uns, sie mit ins Boot zu holen.
Dolcetto machte auch am dritten Tag keine Anstalten machte, sich zu bewegen. Ich schilderte der Organisation unsere Bedenken, diese wurden jedoch eher abgetan: „Das haben wir öfter, Hunde können Ausscheidungen lange zurückhalten, durchhalten, Flinte nicht ins Korn werfen…!“
Im Wohnzimmer entstand mit Dolcettos Ankunft ein Matratzenlager, damit er nachts nicht alleine sein musste und wir auf jeden Fall mitbekommen sollten, wenn er nach draußen wollte.
Nachdem am Montagabend gegen 18.00 Uhr die Mail an Frau Mantel gesendet wurde, begann das Hoffen auf baldige Antwort. Um 23.30 Uhr war es soweit, Frau Mantel war am Telefon! Tränen der Erleichterung schossen mir in die Augen…
Dolcetto geht keinen Schritt ...
Es musste schnell gehandelt werden, sie kündigte ihren Besuch für den kommenden Tag an, damit sich Dolcetto endlich erleichtern konnte. Gegen Mitternacht der zweite Anruf von ihr… Wir sollten nicht weiter warten. Dolcetto muss zumindest Urin absetzen. Per telefonischer Anleitung durch Frau Mantel wurde Dolcetto mitsamt Hundebett zur Terrassentür gezogen und von da aus am Geschirr auf die Terrasse gehievt, wo er im selben Moment gefühlt minutenlang Urin absetzte! Zitternd und erleichtert gelangten wir zurück ins Haus, wo Dolcetto versuchte, sich unter das Sofa zu quetschen.
Am folgenden Tag kam Frau Mantel persönlich, um sich vor Ort ein Bild zu machen und Dolcetto zu mobilisieren. Ziel war es, ihn aus seinem Hundebett in den Garten zu bringen, damit er nun auch seinen Darm entleeren konnte.
Jedoch gestaltete sich dies ebenfalls sehr schwierig. Frau Mantel nahm ihn an die Leine und augenblicklich entwickelte Dolcetto immense Kräfte zur Gegenwehr. Er stemmte sich dagegen, ging mit den Vorderpfoten hoch, zitterte mit angstvollen Augen und speichelte. Noch im Flur verlor er den ersten Kot. Nach einer gefühlten Ewigkeit gelangten sie nach draußen, wo er, wie in der Nacht seiner Ankunft, versuchte, sich in die Ecke zwischen Garage und Wohnhaus zu verkriechen. Interessant zu beobachten war, dass er immer wieder Blickkontakt zu mir suchte.
Der Weg durch den Garten gestaltete sich genauso dramatisch. Dolcetto wehrte sich mit allem, was ihm zur Verfügung stand. Schutz suchte er dann auf einer Gartenliege, wo durch Streicheln, Körperkontakt und eine Pause etwas zur Ruhe kam.
Am Anschlag
Unser Auftrag lautete nun, dies jeden Tag mehrmals mit ihm zu üben …
Bereits am Folgetag zeigte sich beim dritten Versuch durch den enormen physischen wie psychischen Kraftaufwand, dass wir dem nicht gewachsen waren und nicht mehr konnten. Das Wohnzimmer mussten wir mit Teppichen auslegen, da ansonsten der gesamte Holzboden durch Dolcettos Krallen ruiniert worden wäre. Die Holzterrasse zeigte nach zwei Tagen bereits großen Verschleiß. Bereits jetzt, Dolcetto war zu diesem Zeitpunkt knapp fünf Tage bei uns, zweifelten wir an unserer Entscheidung. Es war sehr deutlich, dass wir einen tiefgreifend verstörten und angstvollen Hund zu uns geholt hatten, der in seinem dreijährigen Leben nichts kannte oder gelernt hatte. Ein zitterndes Häufchen „Elend“… und auch wir zitterten ab und an.
Zu diesem Zeitpunkt setzten wir die Organisation in Kenntnis, dass wir uns mit Gedanken an Dolcettos Rückgabe beschäftigten. Der mir mittlerweile verhasste Spruch „Flinte nicht zu früh ins Korn werfen!“, kam mehrfach. Wir bekamen Literaturempfehlungen von Büchern, die gar nicht mehr erhältlich waren. Richtig ernst genommen in unserer Verzweiflung fühlten wir uns jedoch nie.
Trotz alledem erhielt die Organisation weitere Berichte von uns, damit unsere Not nicht in Vergessenheit geriet! Ihre „Begleitung“ änderte sich jedoch nicht. Es gab auch keine Nachfragen von der Organisation. „Viel Liebe, viel Streicheln…“ Diesen Satz werden wir nicht mehr vergessen, er kommt uns noch heute wie Hohn vor!
Nachdem klar war, dass wir die Aktion mit der Leine nicht schaffen können (Dolcetto hatte mittlerweile die Leine auch zerbissen, immer einhergehend mit blutigen Lefzen) half uns Frau Mantel mit einer anderen Strategie.
Er war leider zu groß und zu schwer, um ihn auf dem Arm nach draußen zu tragen. Dolcetto wurde nun mit dem „Handtaschengriff“ an seinem Geschirr genommen, um ihn so mehrfach am Tag in den Garten zu tragen bzw. zu bugsieren. Dort verrichtete er mal mehr, mal weniger zuverlässig sein Geschäft. Das Grundstück zu verlassen, war undenkbar. Zumindest ins Haus zurück ging Dolcetto selbständig, am ehesten fluchtartig, um dann wieder regungslos in seinem Bett zu liegen. Fressen und Wasser nahm er mittlerweile an, wenn es nahe am Hundebett stand und wir das Wohnzimmer verließen.
Licht am Ende des Tunnels
Mit der beginnenden Nahrungsaufnahme bahnte sich indes für uns die nächste schwere Belastung an … Durchfall! Durchfall ist bei einem nicht ängstlichen und gut eingewöhnten Hund oftmals nicht einfach. Mit einem sich weigernden, verängstigten Hund, der das Haus nicht verlassen will, ist es ein Desaster! Unser Wohnzimmer war an die 6 Wochen nicht mehr wieder zu erkennen. Ausgelegt mit alten Teppichen, Welpenunterlagen, Malerflies …Verkotete Decken aus seinem Hundebett, Kot an der Wand etc. Dolcetto konnte den Durchfall nicht halten, er verlor ihn während wir ihn nach draußen brachten im Wohnzimmer oder auf der Terrasse. Es war furchtbar! Dolcetto zitterte und wir weinten aus Niedergeschlagenheit, Übermüdung, Kraftlosigkeit. Durchfall findet nicht nur am Tage statt …
Zu diesem Zeitpunkt stand unser Entschluss eigentlich fest, diese Adoption nun zu beenden. Die Reaktion der Organisation?: „ Flinte nicht …!“
Wir informierten auch Frau Mantel. Zu unsere Überraschung kündigte sie sich sofort persönlich an, mit der Info, es wäre nun Zeit für den nächsten Schritt. Dolcetto sollte das Grundstück verlassen, um außerhalb spazieren zu gehen. Wir konnte uns nicht vorstellen, ihn ins Auto zu bringen, um im Wald laufen gehen zu können. Mit ihrer Hilfe gelang es und wir lernten unseren Dolcetto das erste mal von einer neuen Seite kennen. Er lief anfangs schreckhaft und unsicher, aber dann freudig mit uns durch den Wald. Dies war ein unglaublicher Fortschritt für uns alle. Wir kehrten in ein etwas normaleres Leben zurück.
Es geht bergauf ...
Neben diesen praktischen Einheiten versorgte uns Frau Mantel mit Hintergrundwissen zum Thema „Angst“, zu Auswirkungen der fehlenden Sozialisation bei Dolcetto und zu seinem fehlenden Urvertrauen.
Wir schöpften wieder Mut!
Das gemeinsame Spazierengehen verankerten wir und wurden routinierter. Das Autofahren bereiteten ihm glücklicherweise keine Probleme. Wir hatten eine positive Erfahrung.
Die fälligen Tierarztbesuche mit Blutabnahme etc. absolvierte Dolcetto phantastisch. Etwas nicht zu kennen, kann auch Vorteile haben. Alle Untersuchungen blieben ohne Befund. Der Durchfall schien aufgrund allergischer Reaktionen, Reizung des Darmes und bzw. oder Stress verursacht zu sein.
Wir erhielten Medikamente, die Dolcetto über Wochen einnehmen musste und stellten auf ein spezielles Trockenfutter für Hunde mit Futtermittelempfindlichkeit um. Nach über zwei Monaten, mittlerweile war es Ende Oktober ,besserte sich dieser Zustand endlich. Mittlerweile lässt eine spät erkannte massive Verwurmung darauf schließen, dass hierin die Durchfallursache lag.
Die folgenden Wochen zeigte Dolcetto in kleinen, kleinen Schritten mehr Zutrauen. Er fraß nun auch in unserer Gegenwart, verweigerte dies aber sofort, wenn der Napf zu weit weg von ihm stand oder etwas Neues hinzukam. Er traute sich, nach Aufforderung kurz sein Bett zu verlassen, vergewisserte sich aber sekündlich, ob es auch noch an seinem Platz steht. Mittlerweile gelang es uns und ihm, am Abend im Dunklen kurz eine Runde durch den Ort zu gehen.
Diese Gänge sind immer noch geprägt von Angst und manchmal auch Verweigerung. Vieles macht er wohl, laut Frau Mantel, nur uns zuliebe.
Inzwischen ist das Laufen mit Leine routiniert. Er ist mutiger, neugieriger und auch fordernder. Er hört auf „Du bleibst!“ stoisch und rennt zu uns zurück bei „Komm her!“
Mittlerweile lernt Dolcetto, mit uns an einem ruhigen Ort frei und ohne Leine zu laufen. Dieses von Frau Mantel formulierte Ziel schien uns sehr optimistisch zu sein … Doch auch dies gelang mit ihrer Unterstützung und wir lernten wieder eine neue Seite von Dolcetto kennen.
Endlich geschafft!
Auch zu Hause hat Dolcetto schon viele Schritte gemeistert. Er zeigt jetzt Freude, wenn er uns sieht, wedelt in ausgewählten Situationen. Auch kommt er mit verbaler Unterstützung aus seinem Nest zu uns, benötigt aber einen engen Kontakt mit einem Körperteil, er muss „andocken“. Ab und an schafft er es nun auch schon ohne Aufforderung, das Nest zu verlassen, und schaut mal schnell bei einem vorbei. Er hat natürlich weiterhin Ängste und eine verstellte Lampe wegen des Weihnachtsbaumes ließ hn zunächst mal nicht fressen. Der Weihnachtsbaum störte ihn indessen überhaupt nicht.
Es macht den Eindruck, dass Dolcetto in seinem neuen Zuhause ankommt. Das Nest, seine 1m x 2m, ist sein ein und alles, aber wir sehen, dass er langsam Sicherheit gewinnt und wir glauben, dass Dolcetto Schritt für Schritt erkennt, dass auch seine Welt mehr für ihn zu bieten hat. Die Übungseinheiten mit Frau Mantel waren und sind uns eine unglaubliche Unterstützung.
Die Möglichkeit, mit E-Mail und Telefon mit ihr im unverzüglichen Austausch sein zu können, war uns eine unglaubliche Erleichterung und Bereicherung. Auf diese Weise konnten und können wir Fragen und Probleme, die im Alltag auftauchen, schnell klären. Dafür sind wir unendlich dankbar!
Ohne Frau Mantel wäre unser Dolcetto nicht mehr bei uns, da wir es alleine niemals bewältigen hätten können …